Julia Krayer über »Alte Bekannte« in der Bioökonomie

Interview vom 15.04.2021

»Unkräuter gibt es nicht: Jede Pflanze hat ihre Existenzberechtigung«#

Julia Krayer
Julia Krayer, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Nachhaltigkeit und Partizipation.

Seit August 2020 sind die Folkwang Universität der Künste und das Fraunhofer UMSICHT im Dienste der Bioökonomie unterwegs – mit einer mobilen Tiny-House-Ausstellung sowie verschiedenen Veranstaltungsformaten. Am Beispiel sogenannter »Alter Bekannter« wie Sauerkraut oder Kompost zeigt das Projektteam die Gemeinsamkeiten von Produkten aus dem Alltag und aktuellen Forschungsarbeiten auf. Mit Julia Krayer haben wir sowohl über Reaktionen der Besucher*innen als auch über nächste Termine gesprochen und sind dem Nutzen vermeintlicher Unkräuter auf den Grund gegangen.

Mit welchem Ziel seid Ihr in die »Alte Bekannte«-Tour gestartet?

Julia Krayer: Wir wollten und wollen über praktische Erfahrungen bzw. bereits vorhandenes Wissen den Bogen zu bioökonomischen Forschungs- und Entwicklungsfeldern aufzeigen. Unser ursprünglicher Gedanke war dabei: Was sind »Alte Bekannte« der Bioökonomie, die den meisten Menschen vertraut sind, und welche aktuellen Forschungsthemen können wir mit ihrer Hilfe vermitteln? Die Besucher*innen sollen nicht denken »Bioökonomie? Was ist das denn? Noch nie gehört. Find ich komisch.« Sondern: »Sauerkraut selber machen? Find ich gut. Und da hängt noch mehr mit zusammen? Interessant.« Sowohl Ausstellung als auch Veranstaltungsformate sind also sehr niedrigschwellig angelegt.

Hatte dieser Ansatz Erfolg?

Julia Krayer: Definitiv. Und daran hat auch die Tatsache nichts geändert, dass wir pandemiebedingt nach den ersten analogen Veranstaltungen sowohl Ausstellung als auch Workshops bzw. Diskussionsformate virtuell durchführen mussten. Wir haben sehr interessante Gespräche mit ganz unterschiedlichen Leuten geführt. Einige waren überrascht, was mit den vorgestellten »Alten Bekannten« alles möglich ist. Andere haben uns auf »Alte Bekannte« hingewiesen, die wir nicht berücksichtigt hatten. Dieser intensive Austausch verbunden mit vielen Aha-Momenten auf Seiten der Besucher*innen war im Grunde genommen genau das, was wir uns erhofft hatten.

Einzelne Dinge sind natürlich besonders gut angekommen. Beim Themenkomplex »Pflanzen« hatten die meisten Besucher*innen Berührungspunkte. Zum Schwerpunkt »Boden« haben wir einen Workshop zum Bau von Mini-Komposter für den Hausgebrauch durchgeführt, der zu sehr positiven Resonanzen geführt hat. Im Bereich »Kulturen« fand ein digitaler Workshop mit dem Titel »Austernpilze auf Pappe züchten« statt. Da gab es u.a. Feedback von Menschen, die selbst Speisepilze anbauen oder sammeln bzw. mit Pilzen als Werkstoff arbeiten wollen.

Stehen bereits weitere Termine für die Ausstellung fest?

Julia Krayer: Vom 12. bis 16. Juni sind wir mit dem Thema Mikroben in Thüringen. Der Standort unserer Tiny-House-Ausstellung ist ein Freilichtmuseum, in dem hoffentlich auch Führungen möglich sind. Dort gibt es beispielsweise ein Brauereigebäude und eine Bäckerei – also jede Menge Anknüpfungspunkte zur Bioökonomie. Ein weiterer Stopp wird Münster sein. Dort stehen wir gerade im Austausch mit der Westfälischen Wilhelms-Universität. Darüber hinaus planen wir, die Ausstellung im Rahmen des Festivals »Innovative Citizen« aufzugreifen, das hoffentlich im August stattfinden wird.

Sie haben gesagt, beim Thema »Pflanzen« hatten die meisten Besucher*innen Anknüpfungspunkte. Welche vermeintlichen Unkräuter befinden sich denn unter den »Alten Bekannten«?

Julia Krayer: Ganz vorne weg: der russische Löwenzahn. Er wird zum Beispiel genutzt, um Kautschuk zu gewinnen – u.a. für Fahrrad- und auch Autoreifen. Der Giersch ist eher als Unkraut bekannt, aber hinter ihm steckt viel mehr: Die jungen Blätter sind beispielsweise sehr vitaminreich und können wie Spinat zubereitet werden. Auch in anderen Bereichen kommt der Giersch zum Einsatz. Er galt beispielsweise lange als Heilkraut gegen Gicht und Rheuma. Aus der Brennnessel wurden früher Stoffe gemacht, Schilfgras ist ein altbekanntes Baumaterial, das heute zum Beispiel als Dämmung eingesetzt wird.

Zusammengefasst: In meinen Augen gibt es so etwas wie »Unkräuter« eigentlich gar nicht. Jede Pflanze hat ihre Existenzberechtigung und ihren Nutzen. Vieles, was Hobbygärtner*innen als Unkraut empfinden, sehen Kräuterexpert*innen als eine Pflanze mit vielen tollen Eigenschaften. Und ich denke, dass da für die Bioökonomie noch ganz viel Potenzial drinsteckt. Man sollte sich diese bislang eher unbeachteten Gewächse nochmal in Ruhe anschauen: Was kann da drinstecken? Dass sich das lohnt, zeigt das Beispiel Pilze. Wir stehen erst am Anfang, ihr Potenzial zu entschlüsseln – vom Werkstoff bis zum Lieferanten für Wirkstoffe in Medikamenten gegen Depressionen. Und selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass eine Pflanze nicht genutzt werden kann, ist sie auf jeden Fall wichtig für die Biodiversität!

Wissen Sie von Forschungsprojekten, die den Einsatz von Unkräutern in der Bioökonomie fokussieren?

Julia Krayer: Ein Team um Forschende der Universität Münster und des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME konzentriert sich beispielsweise auf den russischen Löwenzahn. Dabei wurden u.a. Proteine identifiziert, die eine zentrale Rolle bei der Kautschukproduktion in der Pflanze spielen. Aus diesem Kautschuk werden jetzt schon Fahrradreifen hergestellt. Einen Gesamtüberblick habe ich aber natürlich nicht, das Ganze ist ein sehr weites Feld.

Für die Ausstellung wurde ein ganzes Herbarium erstellt. Wie wurden die dort aufgeführten Pflanzen ausgewählt?

Julia Krayer: Die ersten Ideen hat eine unserer Studentinnen gesammelt. Sie hat tatsächlich während ihrer Spaziergänge mal geschaut: Was wächst da eigentlich rechts und links am Wegesrand? Und wofür lassen sich diese Pflanzen nutzen? Und da ist nie irgendeine Pflanze aufgetaucht, die nicht einen heutigen oder früheren Zweck hatte. Dabei sind wir dann auch auf Klee gestoßen, aus dem sich hervorragend Dünger herstellen lässt.

Ich persönlich finde ja auch sehr spannend, sich durch alte Bücher zu arbeiten und zu schauen, ob es da noch Dinge gibt, über die wir uns heute gar nicht mehr im Klaren sind. Bei mir daheim stehen beispielsweise noch Werke von Hildegard von Bingen, die ich mir dringend vorknöpfen möchte.