Interview

Boris Dresen, Wissenschaftler

Biogaspotenzial-Analysen – umgekehrte Sichtweise

Dr. Boris Dresen, Abteilung Nachhaltigkeits- und Ressourcenmanagement, hat sich im Rahmen seiner Dissertation dem Thema »Potenziale, Kosten und Emissionen entlang des Technologiepfades der Biogaseinspeisung – Regionale Bilanzierung unter Anwendung einer GIS-Applikation« gewidmet. Anders als bei bisherigen Biogaspotenzial-Analysen, die aus Sicht eines Produkts untersuchen, hat Dr. Dresen den Raum in den Fokus gestellt.

Boris Dresen, Gruppe Raumanalyse und Rohstoffsysteme.

Boris Dresen, Gruppe Raumanalyse und Rohstoffsysteme.

Die ersten Jahre bei Fraunhofer UMSICHT waren für Sie …
… sehr lehrreich. Denn nach meinem Studium der Geographie, Biologie und Geologie an der RWTH Aachen ging es 2008 fast nahtlos in Richtung Fraunhofer UMSICHT, wo ich als Doktorand direkt an einem großen BMBF-Projektes zur Biogaseinspeisung gearbeitet habe. Auf dem Gebiet der  Geoinformationssysteme, kurz GIS, brachte ich bereits Know-how mit, Energiesysteme hingegen waren weitestgehend Neuland. Hier musste ich mich zunächst einarbeiten.
Das Forschungsgebiet der Biogaseinspeisung begleitet mich bis heute. Vor zwei Jahren z. B. haben wir eine Bioenergiepotenzial-Studie für ganz NRW durchgeführt. Neben Energiepotenzialstudien beschäftige ich mich häufig mit Klimaschutzstrategien sowie Projekten, in denen Rauminformationen benötigt werden.

Worum geht es im Kern Ihrer Dissertation?
Ausgangspunkt war das Ziel, Hemmnisse für weitere Potenziale entlang der Prozesskette der Biogaseinspeisung zu benennen. Ich habe dazu eine Methodik entwickelt, Emissionen und Kosten raumbezogen bilanzieren zu können. Neu ist dabei die Perspektive. Bisher stand bei einer Ökobilanz das Produkt im Fokus, von dem ausgehend betrachtet wurde. Welche Menge an Rohstoffen wird für die Herstellung einer bestimmten Menge eines beliebigen Produkts benötigt? Die neue Methodik kehrt die Sichtweise um. Es gibt einen vorgegebenen Raum mit einer bestimmten zur Verfügung stehenden Menge an Rohstoffen. Welche Menge eines Produkts, im vorliegenden Fall Biogas, kann damit produziert werden? Wo genau kommen die Rohstoffe her? Auf diese Weise ist eine Rückverfolgung jedes nachwachsenden Rohstoffes möglich. Sämtliche Emissionen und Kosten können punktgenau im Raum verortet werden.

Woher stammen die verwendeten Daten?
Die Daten kommen aus den unterschiedlichsten Quellen: Statistisches Bundesamt, verschiedene landwirtschaftliche Quellen, Geodaten aus dem Amtliche Liegenschaftskatasterinformationssystem, InVeKoS (Integriertes Verwaltungs- und Kontrollsystem). Zudem wurde auf routingfähige Straßenkarten sowie frei verfügbare Geodaten über Schutzgebiete zurückgegriffen. Alle verwendeten Daten können deutschlandweit einheitlich bezogen werden.

Wie haben Sie Tagesgeschäft, Dissertation und Familie in Einklang gebracht?
Es gab immer wieder Zeiten, an denen der Fortschritt der Dissertation ein wenig »stockte«. Da war zum einen die Projektarbeit bei Fraunhofer UMSICHT, zum anderen die größer werdende Familie. Ein dementsprechendes Zeitmanagement musste her. Der Großteil der Arbeit ist in den Abendstunden entstanden. Ich bin dankbar, dass mein Doktorvater Prof. Lehmkuhl, RWTH Aachen, und meine Vorgesetzten mich immer wieder bestärkt haben, weiterzumachen.

In welcher Form werden Sie weiter an dem Thema ihrer Dissertation arbeiten?
Dr. Daniel Maga, ebenfalls aus der Abteilung Nachhaltigkeits- und Ressourcenmanagement, hat in seiner Dissertation das Thema »Entwicklung einer Methode zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Bioraffinerien« behandelt. Von der raumbezogenen Ökobilanzierung versprechen wir uns ein Zukunftsthema. Geplant ist, mit der Abteilung Informationstechnik eine Schnittstelle zwischen GIS-Software und Ökobilanzierungssoftware zu entwickeln. Denn bisher sind die beiden Systeme nur getrennt voneinander zu betrachten. 

Interview vom 07.10.2016