Position des Fraunhofer UMSICHT zu Plastiktüten

Hintergrund: Kunststoff in der Umwelt – Plastik in der Umweltdiskussion

Plastiktüte
© Fraunhofer UMSICHT

Diese Plastiktüte wurde im Rahmen der »Super-Sauber-Oberhausen-Aktion« von UMSICHT-Mitarbeitern in der Nähe des Instituts gefunden und mit weiterem gesammelten Müll entsorgt.


Statistisch gesehen wurden im Jahr 2016 pro Kopf in Deutschland 45 Plastiktüten genutzt [1]. In einer Großstadt wie Oberhausen mit 210 000 Einwohnern kommen so schnell knapp 10 Millionen Tüten pro Jahr zusammen. Während ein Teil der Plastiktüten nach dem Gebrauch mehrfach verwendet wird, wandern die meisten direkt in den Müll oder, wie es sein sollte, über die gelbe Tonne ins Recycling.

Nachdem die Vermüllung der Meere mit Plastik immer weiter ansteigt – die Gesamtmenge wird im Bereich von 27-66,7 Millionen Tonnen geschätzt [2] – und immer mehr Bilder von verhungerten Seevögeln und gestrandeten Walen mit Mägen voller Plastikfragmente und -tüten die Runde machen [3], gelangen Kunststoffe, vor allem in Form der Plastiktüten und auch von Verpackungen, zunehmend in die Kritik. Seit vielen Jahren gehören Plastiktüten zu den Top 10 der meist gefundenen Müllobjekte bei Müllsammelaktionen an Stränden [4].

Verschiedene Initiativen, wie plastikfreie Läden [5] oder plastikfreie Städte [6] setzen als Konsequenz auf einen kompletten Verzicht dieser Produkte. Im April 2016 unterzeichneten das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und der Handelsverband Deutschland (HDE) eine freiwillige Vereinbarung, die dazu beitragen soll, den Verbrauch an Plastiktüten in den kommenden zehn Jahren fast zu halbieren. Darin verpflichteten sich die teilnehmenden Unternehmen, spätestens ab dem 1. Juli 2016 für die Abgabe von Kunststofftragetaschen an Kunden ein angemessenes Entgelt zu erheben.

Doch wie ist das Thema aus wissenschaftlicher Sicht einzuschätzen? Lohnt sich der Verzicht auf Gratisplastiktüten, den seit der Vereinbarung einige Einzelhandelsunternehmen konsequent umsetzen? Und schonen Papiertüten die Umwelt wirklich mehr als Plastiktüten?

 

[1] Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (2017): Ein Drittel weniger Kunststofftüten in Deutschland. Zuletzt geprüft am: 28.06.2017

[2] Eunomia (2016): Plastics in the Marine Environment. Bristol, United Kingdom  

[3] Spiegel Online (2017): Müll im Meer: Wal hatte 30 Plastiktüten im Magen. Zuletzt geprüft am: 28.04.2017

[4] Ocean Conservancy (2016): 30th Anniversary International Coastal Cleanup: Annual Report. Washington DC  

[5] Utopia (2016): Verpackungsfreier Supermarkt: einkaufen ohne Verpackung. Zuletzt geprüft am: 28.04.2017


[6] IBP - Interkulturelle Begegnungsprojekte e.V. (2015): Unplastic Billerback. Zuletzt geprüft am: 28.04.2017

Fakten und Empfehlungen zur Nutzung von Plastik am Beispiel Plastiktüte

  • Vermeidung des Plastikeintrags in Ökosysteme durch weltweiten Ausbau geeigneter Erfassungs- und Sammelsysteme und logistische Optimierung bei Umschlag und Transport
  • Entwicklung von biobasierten Materialien, die sich in den jeweiligen Umweltkompartimenten in sinnvollen Zeiträumen kaskadenartig abbauen (z. B. für Kosmetik- und Reinigungsartikel oder Verpackungen)
  • Entwicklung technischer Verfahren zur Reduzierung des Mikroplastikeintrags, z. B. durch Verwendung von Filtrationstechniken an Eintragsquellen (Kläranlagen, Waschmaschinen etc.)
  • Standardisierung von Untersuchungsmethoden
  • Austausch und Information zwischen Wissenschaft, Industrie und Öffentlichkeit
  • Sensibilisierung und Änderung des Konsumentenverhaltens in Bezug auf Kunststoffe durch wissenschaftlich fundierte und verständliche Kommunikation des Themas
  • Schaffung von Anreizen, nicht nur zur Verringerung des Kunststoffeintrags, sondern auch zur aktiven Entfernung von Kunststoffen aus der Umwelt, z. B. durch Ausbau von sogenannten Polymer-Harvest-Systemen in Flüssen und Meeren für Fischerei und Fangflotten, Durchführung von Plastikabfall-Sammelaktionen etc.

Plastiktütenverbrauch - Beispiele aus der Welt

Der Pro-Kopf-Verbrauch an Plastiktüten schwankt von Land zu Land. Spitzenreiter in der EU war im Jahr 2010 Bulgarien mit 421 Tüten, gefolgt von der Tschechischen Republik (297), Griechenland (269), Rumänien (252) und Italien (204). Deutschland war mit seinen 71 Tüten pro Kopf am hinteren Ende der Skala zu finden und hat seinen Verbrauch nach aktuellsten Zahlen bereits auf 45 Tüten pro Kopf gesenkt [GVM-2017]. Weniger Plastiktüten werden nur in Luxemburg (20) und Irland (18) verwendet – siehe nachfolgende Grafik. Der niedrige Wert für Irland ist auf die Einführung einer Gebühr auf die Abgabe von Plastiktüten zurückzuführen.

Manche außereuropäischen Länder haben bereits komplette Verbote verhängt. In Bangladesch wurden Plastiktüten im Jahr 2002 zunächst in der Hauptstadt Dhaka und anschließend im ganzen Land verboten. Grund war, dass sie als mitverantwortlich für die Verstopfungen der Abwasseranlagen angesehen wurden, die 1988 und 1998 zu Überschwemmungen geführt hatten. In Marokko sind Plastiktüten seit dem 1. Juli 2016 komplett verboten. Das Land belegte bis dato mit jährlich 900 Tüten pro Kopf und 26 Milliarden gesamt beim Verbrauch den weltweit zweiten Platz hinter den USA.

Ultradünne Plastiktüten sind in den Ländern China, Kenia, Ruanda und Südafrika verboten. Auch in der Stadt San Francisco existiert ein Plastiktütenverbot. In China dürfen des Weiteren Plastiktüten nicht kostenlos abgegeben werden. Auch in Washington D. C. und Los Angeles werden Abgaben auf Plastiktüten erhoben. Einige weitere Länder überlegen ebenfalls, Verbote einzuführen, weil vermehrt Nutztiere Plastiktüten fraßen und gesundheitliche Probleme bekamen.

Quellen: [UBA-2013], [Doyle-2013], [SZ-2016a], [DLF-2016], [EPI-2014].

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