Transformationsprozess

Carbon2Chem®-Workshop lud zum Diskurs über Klimaschutz und Veränderungsprozesse ein

Veranstaltungsrückblick /

»Wir müssen jetzt handeln. Je eher wir beginnen, CO2-Emissionen zu minimieren, desto größer die Chance, dass wir die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreichen.« Mit diesen eindringlichen Worten richtete sich Prof. Görge Deerberg an die Teilnehmenden des Workshops »Every day for Future – Transformation im Zuge der Energiewende« am 10. Juni 2022. An welchen Klimaschutz-Lösungen Forschung und Industrie arbeiten und wie Einzelne motiviert werden können, sich an diesem Veränderungsprozess zu beteiligen, beleuchtete der stellv. Institutsleiter des Fraunhofer UMSICHT gemeinsam mit weiteren Referenten aus der Wissenschaft.

Every day for future – Transformation im Zuge der Energiewende
© Fraunhofer UMSICHT
Die Abschlussrunde (v.l.): Dr. Torsten Müller (Leiter der Geschäftsstelle des Verbundprojekts Carbon2Chem®), Prof. Jens Wolling (Technische Universität Ilmenau), Prof. Görge Deerberg (Fraunhofer UMSICHT), Prof. Robert Gaschler (FernUniversität in Hagen) und Martin Schmidt (LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt).

Seinen Vortrag hielt Deerberg in seiner Rolle als einer von drei Koordinatoren des Verbundprojektes Carbon2Chem®. »Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung befassen wir uns mit zwei Problemstellungen: dem Klimaschutz und unserer Abhängigkeit von Kohlenstoff.« Im Kern entstehen dabei Technologien, mit deren Hilfe sich Kohlendioxid, das auch in Zukunft in Stahl- und Zementindustrie oder Müllverbrennung ausgestoßen wird, in Grundstoffe für die chemische Industrie umwandeln lässt. »Wir streben eine Kreislaufschließung auf mehreren Ebenen an – und das kann nur durch einen Sektor übergreifenden Ansatz gelingen«, so Deerberg. »Deshalb sind wir sehr froh, dass wir so eng und zielführend mit 19 Projektpartnern aus ganz unterschiedlichen Branchen zusammenarbeiten.«

Psychologische Perspektive auf die Transformation im Zuge der Energiewende

Aus der Perspektive der Psychologie blickte Prof. Robert Gaschler auf Klimawandel und Energiewende. Den Fokus legte der Wissenschaftler der FernUniversität in Hagen auf folgende Fragen: Welche Ängste, Hoffnungen und Erwartungen werden mit Klimawandel und Klimaschutz verbunden? Wie ist die Wahrnehmung des Transformationsprozesses zur Energiewende? Wie nehmen Einzelne ihre Rolle wahr? Wie kann und sollte eine Vermittlung bzw. ein Informationstransfer erfolgen?

»Das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung ist groß, aber es passiert wenig«, erklärte Gaschler beispielsweise. »Sinnvoll ist, Einzelpersonen als Teile von Gruppen zu betrachten. Dadurch steigt das Ausmaß von dem, was sie erreichen können, beträchtlich.« Motivierend wirke zudem, sich die sogenannte Verlust-Aversion zunutze zu machen. »Die gleiche Sache wirkt anders, wenn wir das Gefühl haben, einen Vorschuss zu verspielen. Wenn wir es also schaffen, das Thema Energiewende so zu kommunizieren, dass wir eine Chance verpassen, wenn wir nicht aktiv werden, ist die Bereitschaft, sich zu engagieren, viel größer.« Man habe etwas in der Hand, was man sonst verlieren würde. Das sei besser, als etwas neu zu gewinnen.

Ausstellung »Power2Change – Mission Energiewende«: Menschen in Sachen Klimaschutz mitnehmen

Die Überlegung, wie Informationen rund um den Klimaschutz am besten bei den Menschen ankommen, stand auch am Anfang der Ausstellung »Power2Change – Mission Energiewende«, die im August 2022 in Hattingen startet. »Momentan bestimmen viel Angst und Enttäuschung die Debatte. In den Medien z.B. ist häufig nur von Problemen, nicht aber von Lösungen die Rede«, bewertete Martin Schmidt die aktuelle Situation, wissenschaftlicher Referent am LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt und Mitorganisator der Ausstellung. »Das führt dazu, dass sich in Teilen der Bevölkerung Resignation und Wut breitmachen – verbunden mit der Frage: Gibt es überhaupt Hoffnung bei Klimakrise und Energiesicherheit?« Eine Frage, die »Power2Change« mit einem klaren Ja beantworten wird! »Wir wollen deutlich machen, dass etwas getan wird, dass es Lösungen gibt, dass wir uns zwar anstrengen müssen, aber dass wir die Energiewende gemeinsam schaffen, wenn wir das wollen.«

Dazu wählten die Konsortialpartner hinter der Ausstellung – darunter DECHEMA, Fraunhofer-Gesellschaft, TU Ilmenau und Wissenschaft im Dialog – einen besonderen Weg: »Wir zeigen nicht, was jede oder jeder von uns zu Hause oder in seinem Alltag leisten und umstellen könnte, sondern konzentrieren uns auf die Forschung für die Energiewende im großen Maßstab«, beschreibt Schmidt den Ansatz. Den Besucherinnen und Besuchern werden Projekte aus Industrie und Forschung präsentiert – und zwar in vier Themeninseln (Vernetzen, Verteilen, Verwerten und Verwandeln), begleitet von einem In- und einem Outro. Zielsetzung: Jugendliche ab 14 Jahren sowie junge Erwachsene für Klimaschutz und Energiewende sensibilisieren, sie zum Handeln anzuregen und ihnen spielerisch Wissen zu vermitteln.

Begleitforschung nimmt die Ausstellung und ihre Zielgruppe ins Visier

Wie und ob diese Ziele erreicht werden können, nimmt die TU Ilmenau im Rahmen der Begleitforschung ins Visier: Geleitet von Prof. Jens Wolling werden Evaluationen vor, während und nach der Veranstaltung durchgeführt. »Bislang haben wir uns mit Fragestellungen zum Ausstellungstitel und der Zielgruppe befasst«, gab er im Rahmen des Workshops einen Überblick. »Wer sind die potenziellen Ausstellungsbesuchenden? Durch welche Kommunikationskanäle können sie gut erreicht werden? Und wie sollte die Ausstellung gestaltet werden, um auch Personen anzusprechen, die noch unsicher sind, ob sich ein Besuch lohnt?« Aus den Ergebnissen lasse sich beispielsweise ableiten, dass der Titel gut gewählt sei, die Ausstellung aber grundsätzlich eher Personen erreiche, die bereits eine positive Grundhaltung zur Energiewende haben. »Bei vielen von ihnen ist das Vorwissen eher gering. Das Argument, etwas Neues zu lernen, könnte also durchaus Interesse wecken und zum Besuch mobilisieren«, sagte Wolling.

Bei der abschließenden Diskussionsrunde ging es – moderiert von Dr. Torsten Müller, dem Leiter der Geschäftsstelle des Verbundprojekts Carbon2Chem® – um die generelle Ansprache zum Thema Energiewende. Ein Beispiel waren Optionen, Menschen für einen Ausstellungsbesuch zu gewinnen. Dabei wurden Ideen wie Gutscheine oder Pflichtbesuche für Schulklassen durchaus kontrovers besprochen. Die Botschaft der Referenten: Inhalte und Konzeption von »Power2Change« sollten Argumente genug sein, sich zunächst ins LWL-Industriemuseum Henrichshütte und später ins Klimahaus Bremerhaven bzw. an die weiteren Standorte zu begeben. Schließlich sei die erfolgreiche Gestaltung der Energiewende ein Thema, dass uns alle angehe.