»Die Energiewende ist machbar – wenn Forschung und Gesellschaft gemeinsam daran arbeiten«
Wie kann der Weg in eine klimaneutrale Zukunft gelingen? Diese Frage stand seit 2022 im Fokus der Wanderausstellung »Power2Change: Mission Energiewende«. An zehn Standorten in ganz Deutschland hat sie sowohl Herausforderungen als auch Lösungsansätze für ein breites Publikum erlebbar gemacht. Mit dem Ende der Ausstellung zieht Sandra Naumann Bilanz. Die UMSICHT-Wissenschaftlerin begleitete das Projekt »Wissenschaftskommunikation Energiewende« fast von Anfang an und übernahm dabei eine besondere Rolle: Sie koordinierte die Zusammenarbeit der Projektpartner und vermittelte zwischen den Perspektiven von Forschung, Museumsarbeit und Wissenschaftskommunikation.
Was geht dir durch den Kopf, wenn du auf das Ende der Ausstellung blickst?
Sandra Naumann: Ganz ehrlich: Ich bin vor allem traurig. Vor allem, weil wir viele Ideen für eine Weiterentwicklung hatten, die wir nun nicht mehr umsetzen können. Die Themen bleiben aktuell, und wir hätten die Ausstellung problemlos noch viele Jahre weiterführen können. Es gab auch regelmäßig Anfragen von Ausstellungshäusern, die »Power2Change« zeigen wollten.
Wie bist du damals zu »Power2Change« gekommen und welche Idee stand hinter dem Projekt?
Sandra Naumann: Ich bin tatsächlich erst einige Monate nach dem offiziellen Projektstart eingestiegen. Bei meinem ersten Treffen war ich plötzlich mittendrin in einem Netzwerk aus Menschen mit völlig unterschiedlichen fachlichen Hintergründen. Genau das fand ich von Anfang an spannend. Da saßen Forschende, Museumsleute, Kommunikationsfachleute und viele weitere Beteiligte zusammen.
Die Grundidee des Projekts war klar: Wir wollten Forschung zur Energiewende sichtbar machen und komplexe Zusammenhänge für möglichst viele Menschen verständlich erklären. Dabei ging es nicht nur um erneuerbare Energien, sondern auch um Themen wie klimaneutrale Industrie, Wasserstoff oder die Transformation von Verkehr und Gebäuden. Viele dieser Aspekte spielen in der öffentlichen Debatte eine vergleichsweise kleine Rolle, sind für die Energiewende aber entscheidend.
Welche Rolle hattest du im Projekt?
Sandra Naumann: Zu Beginn habe ich gemeinsam mit einer Kollegin von der DECHEMA die Geschäftsstelle des Projekts geleitet. Das bedeutete zunächst viele organisatorische und administrative Aufgaben. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr koordinierende und inhaltliche Aufgaben hinzu. Dabei ging es nicht nur darum, Abläufe zu organisieren, sondern auch die verschiedenen Partner zusammenzubringen, den Austausch zu koordinieren und dafür zu sorgen, dass alle gemeinsam in dieselbe Richtung arbeiten.
Wenn irgendwo Sand ins Getriebe geraten ist, war ich oft diejenige, die versucht hat, die Ursache zu finden und Lösungen zu ermöglichen. In einem Verbundprojekt mit vielen Beteiligten gibt es immer wieder Situationen, in denen etwas stockt. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit bestand deshalb darin, solche Hürden aus dem Weg zu räumen und den »Laden zusammenzuhalten«.
Was war dabei die größte Herausforderung?
Sandra Naumann: Die unterschiedlichen Denkweisen und Fachsprachen zusammenzubringen.
In einem Projekt wie diesem arbeiten Menschen aus sehr verschiedenen Disziplinen zusammen. Da reicht es nicht, dieselben Begriffe zu verwenden. Oft meinen verschiedene Fachrichtungen mit denselben Worten etwas anderes oder nutzen Begriffe, die andere gar nicht kennen.
Ich habe deshalb häufig übersetzt, nicht zwischen Sprachen, sondern zwischen Fachkulturen. Gerade darin lag für mich aber auch der Reiz des Projekts. Forschende, Museumsleute, Kommunikationsfachleute und Didaktikerinnen bringen ganz unterschiedliche Perspektiven mit. Wenn es gelingt, daraus gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen, ist das unglaublich bereichernd.
Diese Übersetzungsarbeit war letztlich auch die Aufgabe der Ausstellung. Wie gelingt es, komplexe Energiewendethemen verständlich zu vermitteln?
Sandra Naumann: Das war tatsächlich einer der spannendsten Punkte des gesamten Projekts.
Wir mussten bereit sein, Inhalte stark zu vereinfachen und zu verdichten. Aus wissenschaftlicher Sicht möchte man möglichst präzise sein. Gleichzeitig muss eine Ausstellung so gestaltet werden, dass Menschen mit ganz unterschiedlichem Vorwissen folgen können.
Manchmal mussten wir Abkürzungen nehmen und Sachverhalte vereinfacht darstellen. Nicht, weil die wissenschaftliche Genauigkeit unwichtig wäre, sondern weil Verständlichkeit die Voraussetzung dafür ist, dass Menschen sich überhaupt mit einem Thema beschäftigen. Den richtigen Mittelweg zwischen Korrektheit und Verständlichkeit zu finden, war oft ein echter Spagat.
Die Ausstellung sollte Menschen für die Energiewende begeistern und informieren. Ist das aus deiner Sicht gelungen?
Sandra Naumann: Die Begleitforschung spricht dafür. Viele Besuchende verließen die Ausstellung mit mehr Wissen über die Energiewende und mit größerem Vertrauen in ihre Umsetzbarkeit. Gleichzeitig haben wir gelernt, dass manche Inhalte sehr komplex waren und wir noch stärker an Alltagsbezügen arbeiten müssen.
Interessant fand ich, dass viele Menschen sich vor allem für konkrete Lösungsansätze interessiert haben: für Wasserstoff, klimaneutrale Industrie, regionale Auswirkungen der Energiewende oder die Frage, wie sie selbst zum Gelingen beitragen können. Gleichzeitig wurde häufig der Wunsch nach mehr positiven Beispielen für gelungene Energiewende-Projekte geäußert.
Welche Botschaft sollte den Besucherinnen und Besuchern besonders in Erinnerung bleiben?
Sandra Naumann: Für mich war die wichtigste Botschaft: Die Energiewende ist machbar – wenn Forschung und Gesellschaft gemeinsam daran arbeiten. Sie betrifft weit mehr als den Ausbau von Wind- und Solarenergie. Es geht auch um Industrie, Verkehr, Gebäude und unser gesamtes Energiesystem. Forschung und Innovation spielen dabei eine wichtige Rolle. Gleichzeitig erfordert die Transformation das Zusammenspiel vieler Akteurinnen und Akteure – von Politik und Wirtschaft bis hin zu jeder und jedem Einzelnen.
Zum Projekt gehörte auch ein umfangreiches Rahmenprogramm. Welches Format hat dich besonders überzeugt?
Sandra Naumann: Ganz klar das »Energiemobil«. Wenn ich heute über gelungene Wissenschaftskommunikation spreche, erzähle ich immer davon. Das Konzept war einfach hervorragend: ein mobiler Ort für Gespräche über Energiewende, Wissenschaft und gesellschaftliche Fragen, der direkt zu den Menschen kommt. Das Energiemobil war auf Marktplätzen kleiner Städte genauso unterwegs wie bei großen Veranstaltungen oder Festivals. Die Resonanz war enorm. Die Menschen konnten ihre Hoffnungen, Fragen und Sorgen einbringen. Für mich war das eines der stärksten Elemente des gesamten Projekts.
»Power2Change« war an vielen Standorten in Deutschland zu sehen. Wie waren die Erfahrungen mit dem Konzept Wanderausstellung?
Sandra Naumann: Mich hat beeindruckt, wie unterschiedlich dieselbe Ausstellung wirken kann. Jeder Standort hatte eine eigene Atmosphäre und zog teilweise andere Besuchendengruppen an. Das zeigte sich nicht nur in der täglichen Praxis, sondern auch in der Begleitforschung. Die Wahl des Ausstellungsortes beeinflusst tatsächlich, welche Menschen erreicht werden. Spannend fand ich vor allem, wie die Ausstellung jeweils in die vorhandenen Räume eingebettet wurde. Obwohl die Inhalte dieselben blieben, entstand an jedem Ort eine etwas andere Erfahrung.
Gibt es einen Moment, auf den du besonders stolz bist oder an den du dich besonders gerne erinnerst?
Sandra Naumann: Der erste Aufbau der Ausstellung in Hattingen. Vorher hatten wir Konzepte, Zeichnungen und einzelne Elemente gesehen. Als die Ausstellung zum ersten Mal komplett aufgebaut war, wurde das Projekt plötzlich greifbar. Auf einmal konnte man erleben, wie all die Ideen tatsächlich aussehen und zusammenwirken. Das war der Moment, in dem aus vielen Einzelteilen eine echte Ausstellung wurde.
Welche Forschungsthemen von Fraunhofer UMSICHT waren besonders sichtbar?
Sandra Naumann: Eine wichtige Rolle spielte Carbon2Chem®. Das Projekt war in der Themeninsel »Verwerten« vertreten. Dort wurde gezeigt, wie Kohlendioxid aus industriellen Prozessen genutzt werden kann, um daraus beispielsweise Methanol oder andere chemische Grundstoffe herzustellen. Dadurch konnten Besucherinnen und Besucher nachvollziehen, wie Forschung an konkreten Lösungen für die Energiewende arbeitet.
Wie hat sich dein persönlicher Blick auf die Energiewende verändert?
Sandra Naumann: Durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema nimmt man vieles bewusster wahr.
Ich fahre heute häufiger mit Bus und Bahn und merke generell, dass mein Blick für Zusammenhänge geschärft wurde.
Vor allem habe ich gelernt, dass Wissenschaftskommunikation nicht allein über Fakten funktioniert. Menschen bringen ihre eigenen Erfahrungen, Hoffnungen und Sorgen mit. Gute Kommunikation bedeutet deshalb auch zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen.
Welches persönliche Fazit ziehst du aus vier Jahren »Power2Change«?
Sandra Naumann: Für mich war das Projekt vor allem ein Beispiel dafür, wie bereichernd Zusammenarbeit zwischen ganz unterschiedlichen Menschen sein kann. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, zuzuhören, nachzufragen und Brücken zwischen verschiedenen Perspektiven zu bauen. Genau darin besteht erfolgreiche Wissenschaftskommunikation für mich bis heute.
Und vielleicht ist das auch das, was ich am meisten vermissen werde: dieses gemeinsame Ringen darum, komplexe Themen verständlich zu machen und Menschen für die Zukunftsgestaltung zu gewinnen. Ganz ehrlich: Ich hätte bis zur Rente »Power2Change« und «Wissenschaftskommunikation Energiewende« machen können.
Zum Hintergrund
Die Wanderausstellung »Power2Change: Mission Energiewende« entstand im Rahmen des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Verbundprojekts »Wissenschaftskommunikation Energiewende« – koordiniert von Fraunhofer UMSICHT und DECHEMA e. V. Entwickelt wurde die Ausstellung gemeinsam mit dem LWL-Industriemuseum, Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur, und dem Klimahaus® Bremerhaven. Für Projektkommunikation und Rahmenprogramm war »Wissenschaft im Dialog« verantwortlich. Die wissenschaftlichen Inhalte brachten die Kopernikus-Projekte, das Verbundprojekt Carbon2Chem® gemeinsam mit Fraunhofer UMSICHT, der Fraunhofer-Cluster CINES sowie weitere Partner ein. Die kommunikationswissenschaftliche Begleitung erfolgte durch die Technische Universität Ilmenau.
Letzte Änderung:
Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT