»Ich habe wieder neuen Fokus gefunden und gemerkt, wie wertvoll ein anderer Blick auf die eigene Arbeit sein kann«
Anfang Februar ging es für Carlota von Thadden del Valle von Oberhausen nach Athen. Bis Ende Mai forschte die UMSICHT-Wissenschaftlerin im Labor für thermische Prozesse der National Technical University of Athens (NTUA), School of Mechanical Engineering, unter Prof. Sotirios Karellas. Im Mittelpunkt ihres Aufenthalts stand ihr Dissertationsthema: die industrielle Integration elektrischer latenter Wärmespeicherung. Ermöglicht wurde der Aufenthalt durch ein DAAD-Stipendium. Neben fachlichen Einblicken in die universitäre Forschung boten die vier Monate in Griechenland auch Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und den eigenen Arbeitsalltag aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Im Interview berichtet Carlota über ihre Erfahrungen.
Wie ist die Idee entstanden, für einige Monate ins Ausland zu gehen?
Carlota von Thadden del Valle: Das Stipendium ist eine tolle Möglichkeit, noch einmal ins Ausland zu gehen, neue Inspiration zu erhalten und aus dem gewohnten Umfeld herauszukommen. Ich bin selbst schon viel umgezogen. Vielleicht liegt es also ein bisschen in meiner Natur, immer mal wieder frischen Wind zu suchen. Dazu kam, dass ich im vergangenen Jahr eine persönlich herausfordernde Zeit hatte. Der geplante Auslandsaufenthalt war für mich deshalb auch so etwas wie ein Lichtblick. Kein kompletter Neustart, aber ein kleiner Neuanfang und die Chance, wieder neue Energie zu tanken.
Gleichzeitig gab es natürlich auch eine fachliche Motivation. Ich arbeite an meiner Dissertation und hatte den Wunsch, mein Thema noch einmal stärker aus universitärer Perspektive zu betrachten. Ich habe mich bewusst für die anwendungsbezogene Forschung entschieden, aber der akademische Blickwinkel hat mich trotzdem gereizt. Ich wollte sehen, wie an einer Universität gearbeitet wird, wie dort Publikationen entstehen und welche Impulse ich für meine eigene Arbeit mitnehmen kann.
Warum fiel deine Wahl auf Athen?
Carlota von Thadden del Valle: Athen war unter anderem deshalb naheliegend, weil mein Partner und ich dort beide gute Kontakte hatten. Wir führen eine Fernbeziehung, und der Aufenthalt war auch eine Möglichkeit, für eine Zeit gemeinsam an einem Ort zu leben. Tatsächlich hatten wir beide ein Stipendium, sodass das sehr gut gepasst hat.
Fachlich war der Kontakt über eine Konferenz entstanden. Auf der »International Conference on Efficiency, Cost, Optimization, Simulation and Environmental Impact of Energy Systems (ECOS)« auf Rhodos hatte ich Prof. Sotirios Karellas kennengelernt. Er war fachlich in ähnlichen Forschungsbereichen unterwegs, so dass sich Überschneidungen ergaben.
Worum geht es in deiner Dissertation?
Carlota von Thadden del Valle: Mein Fokus liegt auf der Integration eines latenten Wärmespeichers in die Industrie – passend zur Ausrichtung meiner Arbeit in der Abteilung Industrial Energy Systems. Dabei schaue ich mir das Thema auf der Ebene des gesamten Energiesystems an. Im Kern geht es um die Defossilisierung industrieller Wärme. Industrie braucht Strom und Wärme. Strom lässt sich vergleichsweise einfach defossilisieren, indem beispielsweise Grünstrom bezogen wird. Bei Wärme ist es komplizierter, weil sie in vielen Prozessen bisher über Verbrennung bereitgestellt wird.
Wir sind vor allem im niedrigeren Temperaturbereich unterwegs, in dem Wärme häufig über Dampf bereitgestellt wird. Hier spielt Elektrifizierung eine große Rolle. Speicher können dabei helfen, den zeitlichen Unterschied zwischen dem Bedarf der Industrie und der Verfügbarkeit erneuerbarer Energien auszugleichen. Es geht also weniger darum, einfach eine Temperatur auszugleichen, sondern darum, Wärme dann verfügbar zu machen, wenn sie gebraucht wird.
Konntest du in Athen an diese Themen anknüpfen?
Carlota von Thadden del Valle: Ja, thematische Überschneidungen gab es auf jeden Fall. Eine gemeinsame Publikation haben wir in der Zeit zwar nicht geschafft, aber wir sind aktuell dabei, ein gemeinsames Thema zu finden, das wir weiterverfolgen können. Ich habe viele Einblicke in die Arbeiten der Kolleginnen und Kollegen bekommen und konnte mehrere fachliche Gespräche führen.
Der Arbeitsalltag war allerdings anders, als ich es von Fraunhofer UMSICHT kenne. Es gab dort keine klassischen Gruppenrunden, wie wir sie haben. Ich saß in einem Büro mit einem anderen Doktoranden und habe mich mit ihm sehr viel ausgetauscht. Ansonsten haben sich unsere Wege aber nicht ständig gekreuzt. Ich war auch nicht in dem Sinne Teil eines Teams, das jede Woche gemeinsam in Projektbesprechungen sitzt.
Trotzdem war der Aufenthalt wertvoll. Ich konnte mir Anlagen anschauen und war auch bei Demokritos, einem griechischen Forschungsinstitut, das enge Verbindungen zur Universität hat und sich ein bisschen wie ein Fraunhofer-Äquivalent beschreiben lässt. Da wir kein gemeinsames Projekt hatten, gab es keine regelmäßigen Kollaborationstreffen. Aber die Beziehung ist auf jeden Fall gestärkt worden.
Wie sah dein Arbeitsalltag konkret aus?
Carlota von Thadden del Valle: Ich habe im Wesentlichen die Arbeit weitergeführt, die ich auch bei Fraunhofer UMSICHT mache. Der große Unterschied war die Routine. In Athen bin ich jeden Tag zur Universität gegangen. Der Weg führte etwa eine halbe Stunde den Berg hoch. Danach war man auf jeden Fall wach. Wenn ich oben angekommen war, habe ich mir oft noch einen Freddo Latte geholt. Das ist ein kalter Kaffee mit Eiswürfeln, in Griechenland sehr typisch.
Diese tägliche Routine hat mir richtig gutgetan, und ich konnte mich wieder neu fokussieren. Auch die Menschen haben mich sehr motiviert, und hatte das Gefühl, dass ich meine Dissertation in der Zeit wirklich voranbringen konnte.
Was hast du aus dieser Routine für deinen Alltag in Deutschland mitgenommen?
Carlota von Thadden del Valle: Ich habe gemerkt, wie wichtig es für mich ist, eine klare Arbeitsumgebung zu haben. Jeden Tag zur Uni zu gehen, hat mir geholfen. Das ist hier nicht ganz so einfach, weil mein Weg nach Oberhausen deutlich länger ist. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauche ich ungefähr eine Stunde – abhängig davon wie die Verbindung gerade ist.
Deshalb haben wir inzwischen ein virtuelles Büro in unserem Teams-Kanal eingerichtet. Wenn wir das Bedürfnis nach mehr Büroumgebung haben, auch im Homeoffice, können wir uns dort einfach einwählen und parallel arbeiten. Das nutzen wir schon ab und zu, und ich möchte das künftig häufiger machen.
Für mich war der Aufenthalt noch einmal ein guter Hinweis darauf, dass Motivation und Routine stark zusammenhängen. Wenn die Tagesstruktur stimmt, fällt es viel leichter, fokussiert zu bleiben.
Gab es auf dem Weg nach Athen auch Hürden oder Dinge, die schwieriger waren als erwartet?
Carlota von Thadden del Valle: Ja, vor allem organisatorisch. Das DAAD-Stipendium ist kein etabliertes Auslandsprogramm wie Erasmus, bei denen alle Prozesse komplett eingespielt sind. Theoretisch hätte ich an manchen Stellen ähnlich wie Erasmus-Studierende behandelt werden können. Praktisch war es aber manchmal schwierig, den entsprechenden Status zu bekommen, weil ich nicht auf den vorhandenen Listen stand.
Dadurch musste ich mir viele Dinge selbst zusammensuchen. Es gab nicht den Moment, in dem man automatisch alle Informationen bekommt: Hier ist die Mensakarte, hier ist die Karte für den öffentlichen Nahverkehr, hier sind die ersten Ansprechpersonen. Manche Dinge habe ich über Umwege dann doch bekommen, aber es war viel Eigeninitiative gefragt.
Die ersten zwei Wochen waren dadurch etwas aufwendiger. Danach hatte ich mich gut eingerichtet. Den Zugangsschlüssel zum Büro habe ich natürlich bekommen, aber alles Weitere musste ich weitgehend selbst organisieren.
Wie aufwendig war der Bewerbungsprozess für das DAAD-Stipendium?
Carlota von Thadden del Valle: Er war schon aufwendig, wobei das vielleicht auch daran lag, dass die Bewerbung in eine ohnehin anstrengende Phase fiel. Was dagegen unkompliziert war: die Abstimmung mit der Partneruniversität. Ich habe eine E-Mail geschrieben und gefragt, ob ich den Forschungsaufenthalt dort machen könnte. Die Rückmeldung war sehr positiv: Ich solle Bescheid geben, ob ich das Stipendium bekomme. Das war es im Grunde.
Dabei hat sicher geholfen, dass der Kontakt schon über die Konferenz auf Rhodos bestand. Wenn man bei null anfängt, kann es schwieriger sein. Gleichzeitig hängt es auch stark davon ab, wie viel Erfahrung eine Gastinstitution bereits mit solchen Aufenthalten hat. Manche Gruppen bekommen regelmäßig Anfragen von Forschenden aus dem Ausland. Für andere ist das ungewohnt, und dann müssen zunächst viele Dinge geklärt werden. Zum Beispiel auch die Frage, ob eine Finanzierung durch die Universität erwartet wird. In meinem Fall war das durch das Stipendium abgedeckt.
Welche Perspektiven haben sich fachlich aus dem Aufenthalt ergeben?
Carlota von Thadden del Valle: Ich sehe auf jeden Fall Potenzial für weitere Zusammenarbeit. Sowohl mit der Universität als auch mit dem Forschungsinstitut gibt es fachliche Berührungspunkte. Das verfolgen wir jetzt weiter. Es hängt natürlich auch davon ab, wie sich unsere Gruppe thematisch aufstellt und wo sich künftig passende Schnittmengen ergeben.
Für mich war der Aufenthalt fachlich aber schon dadurch wertvoll, dass ich neue Einblicke bekommen habe. Ich konnte sehen, wie andere ihre Forschung strukturieren, wie sie über Publikationen nachdenken und welche Themen dort gerade relevant sind. Auch wenn nicht sofort ein gemeinsames Projekt entstanden ist, ist eine Grundlage gelegt.
Neben der Arbeit hast du auch Griechisch gelernt. Wie kam es dazu?
Carlota von Thadden del Valle: Ich konnte montags und dienstags an einem Griechisch-Kurs mit Erasmus-Studierenden teilnehmen. Anwenden konnte ich das dann vor allem auf dem Wochenmarkt. Für viel mehr hat es nicht gereicht, aber es war schön, kleine Alltagssituationen in der Landessprache bewältigen zu können.
Ansonsten kam man mit Englisch gut zurecht. Was mich sehr beeindruckt hat, war die Haltung der Menschen gegenüber Sprache. Griechisch ist eine schwierige Sprache, aber ich habe viel öfter gehört: Warum lernst du das überhaupt, das ist doch viel zu kompliziert. Niemand hat mir das Gefühl gegeben: Jetzt bist du hier, jetzt musst du das auch können. Das fand ich sehr erfrischend. Ich habe dadurch auch noch einmal anders darüber nachgedacht, wie es Menschen geht, die nach Deutschland kommen und Deutsch lernen. In Griechenland habe ich viel Verständnis und Hilfsbereitschaft erfahren.
Wie hast du Athen als Stadt erlebt?
Carlota von Thadden del Valle: Athen ist chaotisch, aber aus der Perspektive, dort zu leben, fand ich es toll. Es gibt diese besondere Kombination aus Bergen, Meer und alter Stadt. Man kann unglaublich viele spannende Dinge machen.
Der größte Kritikpunkt waren für mich die Autos und die Situation für Fußgängerinnen und Fußgänger. Athen ist definitiv keine einfache Stadt, wenn man viel zu Fuß unterwegs ist. Die Gehwege und der Verkehr machen es einem schwer. Auch fürs Laufen war das nicht ideal.
Trotzdem habe ich mich dort sehr wohlgefühlt. Die Menschen waren extrem herzlich und willkommen heißend. Ich würde fast sagen: Es waren die nettesten Menschen, die ich bisher kennengelernt habe. Das wirkte nicht aufgesetzt, sondern sehr authentisch.
Du hast die Wochenenden auch genutzt, um das Land besser kennenzulernen. Was waren deine Highlights?
Carlota von Thadden del Valle: Ich habe wirklich jedes Wochenende genutzt, um Ausflüge zu machen. Von Athen aus kommt man innerhalb von drei Stunden in komplett unterschiedliche Gegenden. Ich habe sehr viel gesehen.
Ein Highlight war für mich der Peloponnes. Ich würde sagen, das ist ein verstecktes Juwel. Besonders beeindruckt hat mich Monemvasia. Das wurde mit Dubrovnik verglichen, aber mit deutlich weniger Touristinnen und Touristen und noch sehr ursprünglich. Santorini und Mykonos wollte ich bewusst vermeiden, weil mir das zu touristisch ist.
Auch Meteora war beeindruckend. Das sind diese Klöster auf den Felsen. Es ist dort zwar voll, aber auch völlig zu Recht. Und zuletzt war ich noch auf Milos, einer Insel der Kykladen. Dort gab es das klarste Wasser, das ich je gesehen habe. Mir wurde vorher gesagt: Fahr mal dorthin, das ist ganz schön. Das war komplett untertrieben. Es war wunderschön und wirklich beeindruckend.
Du hast in Athen außerdem für einen Marathon trainiert. Wie passte das in den Alltag?
Carlota von Thadden del Valle: Das war Teil dieser neuen Routine, von der ich schon sprach. Ich war tagsüber an der Universität und bin abends oft noch laufen gegangen. Ich weiß selbst nicht genau, wie ich in dieser Zeit so viel geschafft habe. Aber irgendwie hat alles zusammengewirkt und mir gutgetan.
Nach meiner Rückkehr bin ich direkt mit dem Zug weiter nach Stockholm gefahren und dort den Marathon gelaufen.
Wenn du auf die vier Monate zurückblickst: Was hast du am meisten mitgenommen?
Carlota von Thadden del Valle: Fachlich habe ich neue Impulse für meine Dissertation bekommen, Kontakte geknüpft und die Grundlage für mögliche gemeinsame Themen gelegt. Persönlich habe ich vor allem wieder Fokus gefunden. Ich habe gemerkt, wie wertvoll ein anderer Arbeitsalltag und ein anderer Blick auf die eigene Arbeit sein können.
Dazu kommen viele kleine Dinge: die Sprache, die Wochenmärkte, der Freddo Latte, die Ausflüge, die Offenheit der Menschen. Griechenland selbst war ein großer Teil dieser Erfahrung. Es war wirklich schön.
Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es hier auch vieles gibt, das ich vermisst habe. Vor allem meine Kolleginnen und Kollegen. Nach der Rückkehr war es deshalb auch wieder schön, bei Fraunhofer UMSICHT zu sein.
Würdest du den UMSICHTigen Kolleginnen und Kollegen einen Auslandsaufenthalt empfehlen?
Carlota von Thadden del Valle: Absolut. Ich höre oft von Menschen, dass sie eigentlich noch einmal raus möchten, noch einmal in einem anderen Land arbeiten und eine andere Erfahrung machen wollen. Dafür ist so ein Stipendium eine sehr gute Gelegenheit.
Der Zeitraum ist lang genug, um wirklich einen Einblick zu bekommen, aber kurz genug, dass man ihn meistens auch persönlich gut organisieren kann. Man kann ausprobieren, ob einem so ein anderer Arbeitskontext liegt. Man kann sich Dinge abschauen, neue Kontakte knüpfen oder auch feststellen, dass es zu Hause doch am schönsten ist.
Für mich war der Aufenthalt sehr wertvoll. Gerade wenn man neue Impulse sucht, kann so ein Wechsel noch einmal neue Inspiration geben. Deshalb würde ich anderen auf jeden Fall dazu raten.
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Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT