Promotion

»Ich konnte meine Promotion mit einem klaren Beitrag zur Transformation von integrierten Produktions- und Energiesystemen in der Industrie verbinden«

Interview /

Vor zehn Jahren ist die UMSICHT Research School an den Start gegangen. Zielsetzung: Doktorandinnen und Doktoranden auf dem Weg zur Promotion zu begleiten – und das innerhalb von drei bis vier Jahren. Dass sich das Konzept der Research School bewährt hat, zeigen die Zahlen: Bislang haben fast 90 Absolventinnen und Absolventen ihre Dissertation erfolgreich abgeschlossen. Mit einigen von ihnen haben wir über ihre Erfahrungen gesprochen. Darunter Dr.-Ing. Matthias Lehmkühler.

Matthias Lehmkühler
Dr.-Ing. Matthias Lehmkühler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Energy Systems Integration.

Warum hast du dich entschieden, deine Doktorarbeit bei Fraunhofer UMSICHT zu schreiben?

Matthias Lehmkühler: Ich habe mich für Fraunhofer UMSICHT entschieden, weil hier exzellente wissenschaftliche Tiefe mit konsequenter Anwendungspraxis zusammenkommt. Die interdisziplinären Teams, die enge Zusammenarbeit mit Industriepartnern und die sehr gute Infrastruktur erlauben es, methodisch sauber und flexibel zu arbeiten. So konnte ich meine Promotion mit einem klaren Beitrag zur Transformation der Produktions- und Energiesysteme in der Industrie verbinden und gleichzeitig vielschichtige Erfahrungen sammeln.

 

Was war dein Thema und was das wichtigste Ergebnis?

Matthias Lehmkühler: Mein Promotionsthema war die »Superstrukturoptimierung eines Anlagenverbundes zur stofflichen Nutzung von Prozessgasen aus der Stahlproduktion«. Dafür habe ich ein szenariobasiertes mathematisches Modell entwickelt und angewendet, das technische Anlagen aus Stahl-, Chemie- und Energiesektor zu einem integrierten Verbund kombiniert. Ziel: kohlenstoffhaltige Abgase mithilfe externer Energie bzw. erneuerbaren Wasserstoffs in wertschöpfende chemische Produkte wie Methanol, Harnstoff, Ammoniak und Essigsäure umzuwandeln.

Wichtigste Erkenntnis: Der Ansatz ermöglicht signifikante CO2-Minderungen in der konventionellen Stahlindustrie und kann sich wirtschaftlich rechnen, wenn sich zentrale Rahmenbedingungen günstig entwickeln (u. a. Strompreise, Investitionskosten und CO2-Zertifikatspreise). Besonders vorteilhaft sind dabei flexibel betriebene und gut energieintegrierte Produktionsverbünde, die Preisschwankungen robuster begegnen als einzelne Syntheserouten.

 

Wie hat dich die UMSICHT Research School bei deiner Arbeit unterstützt?

Matthias Lehmkühler: Die UMSICHT Research School hat mir vor allem zu Beginn geholfen, meinen Arbeitsalltag zu strukturieren und effektive Vorgehensweisen von erfahreneren Promovierenden zu übernehmen. In der Abschlussphase hat mich das Einzelcoaching gezielt unterstützt, den Schreibprozess zu fokussieren, Prioritäten zu setzen und das Wesentliche klar herauszuarbeiten.

 

Was waren wichtige Erfahrungen, die du während deiner Doktorarbeit gesammelt hast?

Matthias Lehmkühler: Da gibt es einige. Ich habe im Laufe der Promotion gelernt, mich mit unliebsamen Themen, die aufkommen, zeitnah zu beschäftigen – je früher, desto kleiner werden sie. Sehr hilfreich ist es auch, frühzeitig einzelne Arbeitspakete als Masterarbeiten auszuschreiben. Nicht, um unliebsame Arbeit zu umgehen, sondern um einen zusätzlichen Blick auf die eigenen Themen zu bekommen. Das hat mich regelmäßig neu inspiriert und fachlich enorm vorangebracht. Gleichzeitig versuchte ich nach dem ersten Jahr, mir den Tag nicht mit unwichtigen oder unproduktiven Aufgaben und Terminen vollzumachen, sondern klar zu priorisieren. Dazu gehören feste Fokuszeiten (Disstage), die ich konsequent blocke und schütze. Und: Paper schreiben – dieses Stück Papier, das man fertig hat, kann einem keiner nehmen. Es schafft Substanz für die Dissertation. Es gäbe noch viele weitere Erfahrungen, aber am wichtigsten ist, diese Erfahrungen auch selbst zu machen – hinter jeder hier genannten Erfahrung stecken eine bei mir zunächst nicht ausreichend gute Umsetzung und die anschließende Lernkurve.

 

Gibt es Anekdoten, die du nach wie vor gerne erzählst?

Matthias Lehmkühler: Ich erinnere mich gut, wie mir der externe Coach für Text- und Konzeptberatung Mut gemacht hat, als das Rahmenwerk der Promotion stand und es »nur« noch darum ging, es mit Inhalt zu füllen. Ab Anfang des letzten Jahres habe ich dann täglich fokussiert an der Dissertation gearbeitet. Ein weiterer besonderer Moment war, als das entwickelte Optimierungsmodell erstmals ohne Fehler und in annehmbarer Rechenzeit durchlief. Danach wusste ich definitiv: Mein Ansatz funktioniert, ich kriege die Promotion jetzt zum Abschluss! Es dauerte dann zwar noch über ein ganzes Jahr, aber das war der »point of no return«.

Der Endspurt war besonders: viele Nächte allein am Rechner, während Freunde feiern waren – aber genau das hat den Abschluss möglich gemacht. Und eine schöne Anekdote zur Research School ist der jährliche Weihnachtsmarktbesuch, bei dem sich alle Doktorandinnen und Doktoranden ganz zwanglos bei ein paar Heißgetränken austauschen konnten – das hat immer gutgetan und verbunden.

 

Wo lagen Herausforderungen? Und wie hast du sie überwunden?

Matthias Lehmkühler: Die größte Herausforderung war, dass ich über lange Zeit nicht sicher war, ob ich die Promotion überhaupt schaffe. Mit den ersten großen Erfolgen in der Modellierung und den ersten belastbaren Ergebnissen der betreuten Abschlussarbeiten kam das Vertrauen zurück – und ich habe es konsequent zu Ende gebracht.

 

Welche Tipps hast du für die aktuellen und zukünftigen Doktorand*innen bei Fraunhofer UMSICHT?

Matthias Lehmkühler: Schärfe früh deine Forschungsfragen und schreibe frühzeitig Abschlussarbeiten aus. Stell dich darauf ein, dass die Promotion Phasen mit wenig Freizeit mit sich bringt – und dass der Gedanke »Ich sollte etwas für die Promotion tun!« oft im Hinterkopf sitzt.

 

Wo bist du beruflich inzwischen gelandet?

Matthias Lehmkühler: Ich bin weiterhin wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Fraunhofer UMSICHT im Bereich der Local Energy Systems (vier Tage pro Woche). Zusätzlich arbeite ich als Postdoc am Lehrstuhl Cross-Energy-Systems der Ruhr-Universität Bochum (ein Tag pro Woche). Außerdem habe ich einen Lehrauftrag an der FernUniversität in Hagen im Modul »Nachhaltige Energieversorgung«.

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